Spielerprofil
Isidor Emil Weinberg
Der ewige Zweite
Vereine & Saisonen
Zur Person
# Der Mann, der geblieben ist
Wenn heute über die Pioniere des österreichischen Fußballs gesprochen wird, dann fallen große Namen. Torschützen, Meistermacher, Idole. Namen, die bis heute in den Geschichtsbüchern stehen. Und irgendwo zwischen all diesen Namen steht einer, den die meisten längst vergessen haben.
Isidor Emil Weinberg.
Ein großer Mann. Im wahrsten Sinne des Wortes. Von gewaltiger Statur, wie geschaffen für den Platz zwischen den Pfosten. Ein Mann, der schon lange vor der ersten österreichischen Meisterschaft für die Vienna spielte und dessen Fähigkeiten ihn sogar bis in die Nationalmannschaft führten. Im Mai 1910 stand er in Budapest im Tor Österreichs. Die Ungarn gewannen zwar 3:0, doch Weinberg war Nationalspieler geworden.
Und selbst dort ist ihm die Geschichte nicht ganz gerecht geworden. Bis heute wird er in den Statistiken als „Johann Weinberg“ geführt. Sein richtiger Name scheint im Laufe der Jahrzehnte verloren gegangen zu sein, als hätte die Erinnerung selbst begonnen, ihn langsam auszulöschen.
Als 1911 die erste österreichische Meisterschaft begann, saß Weinberg auf der Bank. Roland Steinbrecher war mittlerweile die Nummer eins der Vienna geworden. Während andere vielleicht verbittert gewesen wären, nahm Weinberg sein Schicksal an. Ein ganzes Meisterschaftsjahr verging, ohne einen einzigen Einsatz.
Man hätte damals glauben können, seine Zeit sei vorbei.
Doch ein Jahr später suchte der WAF einen neuen Torhüter. Eigentlich wollte man Otto Noll aus Prag verpflichten. Doch als dieser nicht kam, entschied man sich für Weinberg. Nicht als erste Wahl. Eher als zweite Lösung.
Wie oft mag ihm das in seinem Leben begegnet sein?
Und doch stand er eine ganze Saison lang im Tor des WAF. Er erfüllte seine Aufgabe mit Würde, bis ihn wiederum ein Jüngerer, Leopold Bode, ablöste.
Wieder hätte er gehen können.
Aber Isidor Emil Weinberg blieb.
Er blieb seinem Verein treu.
Während andere Spieler verschwanden, wechselten oder ihre Karriere beendeten, stand er weiter für die Reservemannschaft im Tor. Tagsüber arbeitete er als Bankbeamter. Er wohnte in der Leopoldstadt, jenem Bezirk, in dem Generationen jüdischer Wiener ihre Heimat gefunden hatten.
Und als der traditionsreiche WAF Mitte der zwanziger Jahre auseinanderzufallen drohte, war es ausgerechnet jener Mann, der längst nichts mehr gewinnen konnte, der sich für den Verein aufopferte.
Isidor Emil Weinberg wurde zur treibenden Kraft der Neugründung.
Ohne ihn gäbe es den heutigen WAF in der Brigittenau vielleicht gar nicht.
Er war nicht nur Spieler. Er war Schiedsrichter. Er leitete Meisterschaftsspiele der höchsten Spielklasse. Er blieb dem Fußball verbunden, obwohl dieser ihm längst nichts mehr schuldig war.
Er liebte dieses Spiel.
Und vermutlich liebte er die Menschen, die zu diesem Spiel gehörten.
Er hatte Jahrzehnte seines Lebens dem österreichischen Fußball geschenkt.
Doch als die Nationalsozialisten Österreich übernahmen, zählte plötzlich nichts mehr davon.
Nicht seine Jahre bei der Vienna.
Nicht sein Einsatz für den WAF.
Nicht sein Länderspiel.
Nicht seine Arbeit als Schiedsrichter.
Nicht die vielen Sonntagnachmittage auf den Fußballplätzen Wiens.
Nicht die Tatsache, dass er mitgeholfen hatte, einen Verein zu retten.
Auf einmal war all das bedeutungslos geworden.
Man sah nicht mehr den Torhüter.
Nicht den Funktionär.
Nicht den Sportkameraden.
Nicht den Wiener.
Man sah nur noch den Juden.
1942 wurde Isidor Emil Weinberg deportiert.
Aus seiner Heimatstadt.
Fort aus der Leopoldstadt.
Fort aus jenem Wien, dessen Fußball er jahrzehntelang mitgeprägt hatte.
Nach Maly Trostinez bei Minsk.
Dort, im Osten, wurde er wenige Tage nach seiner Ankunft ermordet.
Vierundfünfzig Jahre alt war er.
Ein Leben voller Treue, Pflichtgefühl und Liebe zum Sport endete nicht auf einem Fußballplatz, nicht im Kreis seiner Familie, nicht einmal in seiner Heimat.
Es endete an einem Ort, an dem es keine Zuschauer gab.
Keine Tribünen.
Keine Vereinsfarben.
Keine Schiedsrichter.
Kein Abpfiff.
Nur das Schweigen.
Und vielleicht ist das Bitterste von allem, dass heute kaum jemand seinen Namen kennt.
Dass in den Statistiken sogar sein Vorname falsch ist.
Dass ein Mann, der einst das Tor Österreichs hütete und später einen Verein vor dem Untergang bewahrte, beinahe vergessen wurde.
Aber vielleicht besteht Erinnerung gerade darin, die Namen der Vergessenen wieder auszusprechen.
Nicht Johann.
Isidor Emil Weinberg.
Torhüter.
Schiedsrichter.
Bankbeamter.
Wiener.
Mensch.
Und einer von jenen, denen man alles genommen hat – außer ihrer Würde.
Anekdoten & Zitate
WAF-Torhüter Isidor Emil Weinberg patzte im Spiel Vienna - WAF (1:2): er drehte sich den Ball nach einer Abwehr durch ein Eigentor selbst in das eigene Tor und ermöglichte so mit dem Pausenpfiff den 1:1-Ausgleich der Vienna.
Quelle: Rapids erste Titelverteidigung 1912/13, Abs. 1483