Verein
ASV Hertha Wien
ASV Hertha Wien nahm an 14 Meisterschaften zwischen 1911 und 1926 teil (277 Meisterschaftsspiele dokumentiert).
Saisonen
Über den Verein
Der ASV Hertha Wien war ein Verein, der im Grunde genommen alles hatte, was ein echter Favoritner Traditionsklub braucht: Arbeiterkinder, Familienclans, Lokalrivalitäten, Weltklassespieler, Größenwahn und am Ende natürlich finanzielle Probleme. Es wäre ja auch verdächtig gewesen, wenn es anders gelaufen wäre.
Gegründet wurde die Hertha 1904 von jungen Abtrünnigen des SC Rudolfshügel. Man kann sich das ungefähr vorstellen wie eine familiäre Scheidung mit anschließender jahrzehntelanger Feindschaft. Die Hertha beanspruchte den Osten Favoritens für sich, Rudolfshügel den Westen. Favoriten war damals ohnehin groß genug für mehrere Vereine, mehrere Wirtshäuser und mehrere Generationen von Leuten, die sich gegenseitig erklärten, warum gerade der andere Klub völlig unfähig sei.
Als 1911 die erste österreichische Meisterschaft begann, war die Hertha gleich dabei. Geprägt wurde die Mannschaft vor allem von der Familie Lanzer. Gustav Lanzer, Leopold Lanzer, Karl Lanzer und Adolf Lanzer standen gleichzeitig in der Kampfmannschaft. Das war weniger ein Fußballverein als eine Familienfeier mit Ball.
Sportlich war die Hertha nie ein Verein der ganz großen Titel. Dafür war sie ein Spezialist des Überlebens. Man stieg auf, man kämpfte gegen den Abstieg, man gewann Protestverfahren, man verlor Protestverfahren und manchmal gewann man sogar Fußballspiele. Besonders beliebt war die Methode, durch allerlei komplizierte Umstände doch noch in der Liga zu bleiben. Man könnte sagen, die Hertha war der Erfinder des österreichischen Verwaltungsfußballs.
Dann kam der Erste Weltkrieg. Und während andere Vereine bloß Spieler verloren, verlor die Hertha gleich ihre Heimstätte. Auf dem Gelände entstand ein Kriegsgefangenenlager. Das erklärte zumindest, warum die sportlichen Leistungen plötzlich aussahen, als hätte man elf Kriegsgefangene aufgestellt. In den Kriegsjahren war die Mannschaft oft Letzter, manchmal Vorletzter und gelegentlich beinahe nicht Letzter. Weil es während des Krieges keinen Abstieg gab, blieb die Hertha trotzdem oben. Das war die vielleicht erfolgreichste Verteidigungsleistung der Vereinsgeschichte.
Überhaupt war die Verteidigung stets die große Stärke. Vorne konnte passieren, was wollte, hinten standen immer irgendwelche Herthaner, die den Gegner mit jener Mischung aus Sturheit und Verzweiflung aufhielten, die im Favoriten jener Zeit als Tugend galt.
Nach dem Krieg begann eine erstaunliche Blütezeit. Die Hertha galt plötzlich als Verein mit der besten Jugendarbeit Österreichs. Es war die Zeit, in der ein schmächtiger Bursche namens Matthias Sindelar entdeckt wurde. Ein gewisser Karl Weimann erkannte das Talent des jungen Schlossers und brachte ihn zur Hertha. Aus dem dünnen Buben wurde später der größte österreichische Fußballer aller Zeiten, der „Papierene“, der Mozart des Fußballs. Bevor ganz Wien von Sindelar sprach, spielte er in Blau-Weiß bei der Hertha.
Und als wäre ein Sindelar nicht genug gewesen, brachte die Hertha später auch noch Pepi Bican hervor. Zwei der größten Stürmer der österreichischen Geschichte gingen also durch die Favoritner Fußballschule. Andere Vereine produzierten Meistertitel, die Hertha produzierte Legenden.
In den zwanziger Jahren bekam der Verein schließlich einen Anfall von Optimismus und baute ein riesiges Stadion. Das entsprach ungefähr dem Plan eines Fiakerkutschers, der sich aus Begeisterung gleich einen Flughafen errichtet. Die Anlage war beeindruckend, aber leider auch teuer. Sehr teuer. So teuer, dass sich die Hertha langsam selbst auffraß. Immer mehr Konkurrenzvereine entstanden, die Zuschauer verteilten sich, die Kassen wurden leerer und die großen Zeiten verschwanden schneller als ein Bier am Reumannplatz.
Trotzdem gab es noch Sternstunden. 1928 erreichte die Hertha das Cup-Halbfinale und warf sogar Rapid aus dem Bewerb. Die Rapidler führten auf der Hohen Warte bereits 1:0, ehe die Herthaner das Spiel drehten und mit 3:1 gewannen. Das war wahrscheinlich einer jener Tage, an denen in Favoriten sämtliche Schankwirte Überstunden machen mussten.
Doch die Konkurrenz im Bezirk wurde stärker, die wirtschaftlichen Sorgen größer und schließlich erledigte auch der Zweite Weltkrieg den Rest. 1940 verschwand der ASV Hertha Wien von der Fußballlandkarte.
Geblieben sind die Geschichten. Die Geschichten vom Osten Favoritens. Von vier Lanzer-Brüdern. Von einer Mannschaft, die ihre Heimstätte an ein Kriegsgefangenenlager verlor und trotzdem weiterspielte. Von einem Verein, der nie Meister wurde, aber gleich zwei Genies hervorbrachte.
Und vielleicht ist das ohnehin typisch für Favoriten: Andere sammeln Pokale. Die Hertha sammelte Charaktere.
Anekdoten
Zu ASV Hertha Wien sind derzeit keine Anekdoten verzeichnet.